Videobotschaft des Vorsitzenden, Gregor Stiels, zur aktuellen Lage im Erzbistum zum Jahresbeginn 2021

Datum:
28. Jan. 2021
Stellungnahme zur momentanen Situation im Erzbistum

Liebe Mitstreitende in den katholischen Pfarrgemeinden und Verbänden!

Zu Beginn des Jahres ist es üblich, dass der Katholikenausschuss, gemeinsam mit dem Stadtdechanten und der Oberbürgermeisterin, im Rahmen des Dreikönigempfangs, wichtige Themen für das neue Jahr aufgreift.

Dies war nun leider nicht möglich. Dennoch ist es mir und dem Vorstand des Katholikenausschusses ein großes Anliegen, Stellung zu nehmen, zur aktuellen Lage in unserem Erzbistum. Nicht zuletzt, weil Sie uns in großer Zahl angeschrieben und sich zur aktuellen Situation positioniert haben.

Daher möchte ich Ihnen mit dieser/m Stellungnahme/Video antworten und Ihnen für Ihr großes Engagement danken! 

Ihr Gregor Stiels,

Vorsitzender des Katholikenausschusses in der Stadt Köln

 

 

Rede des Vorsitzenden des Katholikenausschusses, Gregor Stiels,  zur aktuellen Lage im Erzbistum Köln zum
Jahresbeginn 2021

Unsere Gesellschaft und jeder Einzelne von uns befindet sich seit dem letzten Frühjahr in einer besonders herausfordernden Situation. Vieles was uns noch vor einem Jahr normal und vertraut erschien, ist nun weit weg und einer Ungewissheit gewichen, die nicht wenigen Sorgen und Ängste bereitet.

Die Kirche, deren Stärke es sein soll, Menschen in Krisenzeiten beizustehen, Orientierung und Halt zu geben, befindet sich im Erzbistum Köln selbst in einer beispiellosen Krise; hat in den letzten Monaten Glaubwürdigkeit verloren, das Vertrauen seiner Getauften verspielt und ist sehr mit sich selbst beschäftigt.

Die öffentliche Wahrnehmung unserer Kirche ist zurzeit katastrophal. Fassungslos schauen wir auf die Haltung und das autoritäre Selbstverständnis unserer Kirchenleitung, die gepaart mit einer desaströsen Kommunikation für diese Krise verantwortlich ist.

Dieser Eindruck manifestiert sich in den wichtigsten Herausforderungen, in denen sich das Erzbistum Köln gerade befindet.

 

1. Mit großer Hoffnung und Erwartung haben wir die Worte von Erzbischof Kardinal Woelki aufgenommen, als er eine lückenlose und schonungslose Aufklärung des Missbrauchsskandals versprach. Die Installierung eines Betroffenenbeirats und ein sehr fortschrittliches Präventionskonzept waren ein guter Beginn. Leider sind durch die intransparente Nichtveröffentlichung des Münchener Gutachtens, der Umgang mit dem Betroffenenbeirat und der Befangenheit des Kardinals durch einen nicht gemeldeten Missbrauchsfall, viel Vertrauen und Glaubwürdigkeit zerstört worden.

Wenig hilfreich sind dann auch noch die jüngsten Äußerungen, die sich Zitate von Reichspropagandaminister Joseph Goebbels im Dritten Reich zu eigen machen, um die kritische Presse wegen der Wahrnehmung berechtigter Interessen anzugreifen.

 

2. Die Haltung der Bistumsleitung hat den Prozess des Pastoralen Zukunftwegs in eine Sackgasse manövriert. Der Pastorale Zukunftsweg wird nicht als gemeinsamer Prozess aller getauften Menschen erlebt, da ihnen selbst kein Einfluss auf die Entscheidungen über die Zukunft der Kirche im Erzbistum Köln eingeräumt wird.

Die meisten von uns nehmen wahr, dass es in den nächsten Jahren deutlich weniger aktive Gläubige, Kirchensteuerzahler, Priester und Menschen in pastoralen Diensten geben wird.

Trotz des Einsatzes erheblicher finanzieller und personeller Mittel, ist es der Bistumsleitung bisher nicht gelungen, die Menschen auf den Weg des Wandels und der Veränderung einzustimmen und mitzunehmen. Viele haben schnell erkannt, dass nicht die Gemeinschaft aller getauften Menschen diesen Prozess gestaltet und prägt, sondern nur ein kleiner, elitärer und in erster Linie klerikaler Kreis. Auch die Gremien der gläubigen Menschen, die dafür zuständig sein müssten, einen solchen Prozess aktiv zu gestalten, werden bestenfalls als Zuschauer instrumentalisiert.

 

3. Durch den Umgang mit Kritik und Kritikern wird die Kirchenleitung als weltfremd und rückwärtsgewandt wahrgenommen. Dem Erzbistum Köln wird eine feudale und patriarchale Machtstruktur vorgeworfen. Wichtige Errungenschaften unserer Gesellschaft, wie kommunikative Teilhabe an Diskurs und Entscheidungen finden sich kaum in den Grundsätzen und Strukturen unserer Kirche wieder.

Zudem nehmen wir ein sehr hohes Kommunikationsgefälle wahr. Es gibt kaum Gespräche und Beratungen auf Augenhöhe, Gespräche mit wichtigen Medien werden verweigert, kritische Fragen, Inhalte und Kommentare der Kirchenbasis und des kirchlichen Personals werden als Angriff verstanden, zensiert, ignoriert oder sanktioniert.

 

Dieser aktuelle Zustand führt dazu, dass sich selbst treue Katholikinnen und Katholiken in großer Zahl enttäuscht, frustriert und zornig von der Kirche abwenden und austreten wollen, es tun oder schon getan haben. Die hohen Austrittszahlen sind nicht das Ergebnis einer Glaubenskrise, sondern das Ergebnis einer institutionellen systemischen Krise, gepaart mit einem katastrophalen Kommunikationsverhalten. Die Glaubwürdigkeit ist massiv beschädigt, das Vertrauen in Erzbischof Kardinal Woelki und die Bistumsverwaltung vollständig verloren gegangen.

Da gilt es nun anzusetzen. Wenn die Frohe Botschaft nicht mehr den Weg zu den Menschen findet, weil man den verkündenden Menschen und ihrer Institution nicht mehr glaubt und vertraut, dann müssen wir das umgehend ändern.

Das Problem lässt sich nicht aussitzen. Nur durch völlige Transparenz und aktives Handeln lässt sich diese Krise bewältigen.

Daher fordern wir, dass es im Missbrauchsskandal endlich die Übernahme von persönlicher und institutioneller Verantwortung gibt, unabhängig davon, was ein Gutachten hervorbringt. Wir erwarten endlich Anerkennung persönlicher Schuld für juristisch und moralisch falsches Handeln und wir erwarten pastorale Zeichen der Reue, Umkehr und Wiedergutmachung, die bis heute fehlen.

Für eine völlige Transparenz fordern wir außerdem die Veröffentlichung des Münchener Gutachtens. Erst recht nachdem die Kanzlei die Übernahme aller Risiken einer Veröffentlichung angekündigt hat.

Für die zukünftigen Strukturen unserer Kirche muss endlich deutlich werden, wie ein Machtmissbrauch verhindert und Wertschätzung entsprechend unserem Glauben ehrlich gelebt wird. Die unausweichliche Selbstbegrenzung von Macht findet sich bis heute nicht in den Zukunftspapieren.

Wir fordern, dass der Pastorale Zukunftsweg ein Prozess mit echter Partizipation wird. Die Gemeinschaft aller getauften Menschen muss entscheidenden Einfluss auf die Zukunft unserer Kirche haben. Dafür braucht es zuallererst ein Zuhören und Wahrnehmen der Bedürfnisse, Gedanken und Vorschläge der gläubigen Menschen. Die wichtigen Fragen zur Rolle der Frauen und nicht geweihten Menschen in der Kirche müssen einen angemessenen Platz bekommen.

Schließlich fordern wir einen offenen und angstfreien Diskurs über unterschiedliche Meinungen in unserer Kirche. In Gespräch, Diskussion und Auseinandersetzung müssen wir auf Augenhöhe kommunizieren und einander verstehen. Auch herausfordernde Themen, wie sie zuletzt die Katholische Hochschulgemeinde aufgeworfen hat, müssen angemessen kommuniziert werden.

Dies wären unverzichtbare Zeichen, um Glaubwürdigkeit und Vertrauen wieder aufzubauen. Dabei dürfen wir nicht vergessen, dass die Gesellschaft die Kirche dringend braucht. In der Coronakrise, Klimakrise und Flüchtlingskrise wird deutlich, dass wir die christliche Ethik und das christliche Handeln unbedingt benötigen.

Unter diesen Vorzeichen der Umkehr und Erneuerung stehen wir, die Getauften und Gefirmten bereit, tatkräftig an der Zukunft unserer Kirche zu bauen. 

Lassen Sie und dies gemeinsam tun; mit Hoffnung und mit Freude!

Gregor Stiels, Vorsitzender Katholikenausschuss in der Stadt Köln

28. Januar 2021